Sozialstaat: Berichte zu steigenden Mieten und Altersarmut

Podiumsdiskussion zum Sozialstaat
Podiumsdiskussion zum Sozialstaat am 18.11.2025 in der Faust

„Sozialstaat unter Druck?“ – so die rhetorische Fragestellung einer Veranstaltung der IIK im Kulturzentrum Faust am 18. November 2025. „Kommunen sind handlungsunfähig, weil wir Kürzungen von der Landes- und Bundespolitik durchgereicht bekommen!“, sagte dort die städtische Dezernentin für Bildung und Kultur, Eva Bender, die in der Faust mit auf dem Podium saß. „Gekürzt wird bei denen, die keine Stimme haben und sich nicht wehren können“ – so Diskussionsteilnehmer Eby Bakari Tangara von der Lindener Weact-Beratungsstelle gegen Diskriminierung.

„Starke Entwicklung“ auch beim Wohnen

Mitte Dezember hat die Landeshauptstadt Hannover den neuen „Lagebericht zur Stadtentwicklung“ des im Baudezernat angesiedelten Fachbereichs Planen und Stadtentwicklung unter Leitung von Thorsten Warnecke veröffentlicht. Dieser versucht offenbar, gute Stimmung zu machen. Besonders bei Mobilität, Wohnkosten, Grünflächenanteil und wirtschaftlicher Dynamik erreiche Hannover Spitzenwerte, heißt es darin.

„Moderate Mieten, stabile Wohnraumsituation – Hannover bleibt im Vergleich zu anderen Großstädten ein relativ günstiger Wohnstandort“, attestiert der Bericht weiter. Die durchschnittliche Nettokaltmiete liege mit 7,61 €/m² deutlich unter dem Schnitt der 15 größten Städte (8,35 €/m²). „Im Vergleich zu München, Frankfurt oder Stuttgart bleibt Hannover klar erschwinglicher!“, so das Fazit der städtischen Planer.

Mieten bringen Menschen in „Existenznot“

Bekanntermaßen steigen die Mieten für Wohnungen bundesweit und bringen immer mehr Menschen in Existenznot – besonders diejenigen, die ohnehin schon mit wenig Geld auskommen müssen. Das ging bereits im letzten Sommer aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor.

Selbst wenn die Betroffenen Anspruch auf Bürgergeld haben, werden ihnen oft nicht die vollen Kosten für Unterkunft und Heizung erstattet. Vor allem Alleinerziehende und Familien mit kleinen Kindern sind betroffen: Sie zahlen häufig zwischen 130 und 150 Euro monatlich aus eigener Tasche, obwohl ihnen eigentlich ein Anspruch auf vollständige Übernahme zusteht, so die Bundesregierung.

Im Mietspiegel gilt das Ihme-Zentrum jetzt als „gute Wohnlage“

Ihmezentrum mit Blick über die Ihme
Ihme-Zentrum mit Blick über die Ihme

Nach dem von der Region in Kooperation mit der Landeshauptstadt herausgegebenen Mietspiegel 2025 könnten Hauseigentümer nunmehr in Hannover höhere Kaltmieten fordern. Die Durchschnittsmiete „kalt“ quer durch alle Lagen und Wohnformen liegt demnach aktuell bei 11,41 € pro Quadratmeter, so der Bericht. Hochpreisige Mieten, wie etwa im frei finanziierten Wohnungsbau der Wasserstadt Limmer oder in den realisierten bzw. geplanten Neubauprojekten Eleonorenstraße, Nieschlagstraße oder Lindenforum in Linden-Mitte, dürften damit im Stadtbezirk keine Einzelfälle bleiben.

Auffällig ist die Kategorisierung des Ihme-Zentrums als „gute Wohnlage“. Die in Teilen marode Großimmobilie gehört zum statistischen Bezirk Lindener Marktplatz bzw. Linden-Mitte. Dieser wird im Mietspiegel 2025 als „zentral und dennoch in Teilen erholungsnah gelegen und mit guter Versorgungslage“ bezeichnet. Ob diese Einstufung die Mieten im „Betonklotz“ und seiner Umgebung hochtreiben wird, bleibt abzuwarten.

Ein Viertel der hannoverschen Bevölkerung ist „armutsgefährdet“

„Absolut arm sind Menschen, die Grundbedürfnisse wie Hunger, Durst, Kleidung oder Wohnen aus materiellen Gründen nicht befriedigen können. Relativ arm sind Menschen, die deutlich weniger haben, als es dem jeweiligen nationalen oder lokalen Lebensstandard entspricht“ – so die vom Fachbereich Soziales und Integration der Stadt Hannover gewählte Definition im alljährlich erstellten Armutsmonitoring.

In der Landeshauptstadt lag die Armutsgefährdungsquote im Jahr 2023 bei 20,3 Prozent, die Transferleistungsquote betrug Ende 2023 stadtweit 14,9 Prozent. „Die Armutsquote in der Stadt Hannover ist das zweite Jahr in Folge gesunken“, heißt es hingegen jetzt im aktuellen Armutsmonitoring, das unter Leitung der Dezernentin Sylvia Bruns am 16. Dezember 2025 vorgestellt wurde. Bei Minderjährigen und Familien habe es demnach einen Rückgang gegeben, einen Anstieg habe es hingegen bei Rentnern gegeben. Die Altersarmutsquote sei auf 11,3 Prozent gestiegen. „Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat es bei der Altersarmut einen Zuwachs von 35 Prozent gegeben“, beklagt das Monitoring.

Im Stadtbezirk gibt es ein deutliches Armutsgefälle

Zu den Schlußlichtern auf der hannoverschen Armutsskala zählt Linden-Süd. Hier erhalten rund 23,7 Prozent der im Stadtteil lebenden Menschen staatliche Transferleistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts, zumeist also Wohn- oder Bürgergeld. In Linden-Nord sind es Ende 2023 16,1 und in Linden-Mitte 13,9 sowie in Limmer 15,5 Prozent. Der stadtweite Durchschnitt liegt bei 22,5 Prozent.

Bildnachweis: Wolfgang Becker, Yannis

3 Gedanken zu „Sozialstaat: Berichte zu steigenden Mieten und Altersarmut“

  1. Wohngemeinnützigkeit, ein probates Mittel?
    Jedes fünfte Kind in Nds. ist von Armut bedroht, vor allem Wohnen (Mietpreis inklusive Energiekosten) treibt Menschen in Existenznot. Die bekannten Daten und Fakten bilden einen erschütternden Dreiakter aus Wohnungsarmut, Bildungsarmut, Gesundheitsarmut. Was ist zu tun, wenn freie Märkte es allein nicht richten? Ein effektiver Weg ist bezahlbarer Wohnraum in hilfreicher Nachbarschaft sozial gemischter Quartiere. Hilfe zur Selbsthilfe ist ein Stein der Weisen, Wohnen ein Generalschlüssel für ein Gedeihen zentraler Lebensbereiche, geförderter Wohnraum muss her – jetzt.
    Neue Wohngemeinnützigkeit, so verspricht der Koalitionsvertrag, soll mit einem Investitionszuschuss fundiert werden, doch politische Taten fehlten bislang. Hier kann eine Bundestagspetition der Villa ganZ helfen: https://epetitionen.bundestag.de/content/petitionen/_2025/_11/_18/Petition_190742.html. Auf dass vergebliche Herbergssuche nicht mehr auf immer und ewig ein daueraktuelles Sorge-Thema in dieser ach so reichen Gesellschaft bleibt!

    Antworten
    • Ein weiteres Problem, durch das Wohnkosten gespart werden könnten, sind Bedarfsgemeinschaften.
      Nicht selten trennen sich Paare ( mit oder ohne Kinder) mit Sozialleistungsbezug räumlich, um die Kürzung durch die Einstufung als Bedarfsgemeinschaft zu umgehen. Auch die Anrechnung von Einkommen bei nur 1 Verdiener führt nicht selten zur räumlichen Trennung, da hier NICHT unterhaltspflichtige Personen mit dem kompletten Einkommen für die BG einstehen müssen (auch für Krankenkassenbeiträge). Beim Unterhalt für getrennt lebende Kinder und Ehegatten hat man einen Selbstbehalt, bei Leistungsbezug gilt dieser nicht, obwohl keine gesetzliche Unterhaltspflicht vorliegt.

      Würde man hier auch „eheähnlichen“ Gemeinschaften den vollen Regelsatz gewähren und bei Alleinverdienern einen Selbstbehalt (oder höhere Freibeträge) einführen, gäbe es sicherlich ein paar Einpersonenhaushalte weniger.

      Antworten
  2. Aktuell werden Wohnungen mit unter 30 qm für 500 € NETTO-Kaltmiete vermietet. Diese Wohnungen sind bekannt dafür, dass dort überwiegend Menschen wohnen die auf Sozialleistungen angewiesen sind.
    Das sind Quadratmeterpreise über 18 € für Häuser die 1994 gebaut wurden.

    Wo soll das hinführen???
    Auch die Nebenkosten werden für viele immer unbezahlbarer.

    Jede Mieterhöhung kann Menschen vor finanziellen Probleme stellen und wenn es dann keine günstigere Wohnung gibt, droht die Wohnungslosigkeit.

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3 Gedanken zu „Sozialstaat: Berichte zu steigenden Mieten und Altersarmut“

  1. Wohngemeinnützigkeit, ein probates Mittel?
    Jedes fünfte Kind in Nds. ist von Armut bedroht, vor allem Wohnen (Mietpreis inklusive Energiekosten) treibt Menschen in Existenznot. Die bekannten Daten und Fakten bilden einen erschütternden Dreiakter aus Wohnungsarmut, Bildungsarmut, Gesundheitsarmut. Was ist zu tun, wenn freie Märkte es allein nicht richten? Ein effektiver Weg ist bezahlbarer Wohnraum in hilfreicher Nachbarschaft sozial gemischter Quartiere. Hilfe zur Selbsthilfe ist ein Stein der Weisen, Wohnen ein Generalschlüssel für ein Gedeihen zentraler Lebensbereiche, geförderter Wohnraum muss her – jetzt.
    Neue Wohngemeinnützigkeit, so verspricht der Koalitionsvertrag, soll mit einem Investitionszuschuss fundiert werden, doch politische Taten fehlten bislang. Hier kann eine Bundestagspetition der Villa ganZ helfen: https://epetitionen.bundestag.de/content/petitionen/_2025/_11/_18/Petition_190742.html. Auf dass vergebliche Herbergssuche nicht mehr auf immer und ewig ein daueraktuelles Sorge-Thema in dieser ach so reichen Gesellschaft bleibt!

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    • Ein weiteres Problem, durch das Wohnkosten gespart werden könnten, sind Bedarfsgemeinschaften.
      Nicht selten trennen sich Paare ( mit oder ohne Kinder) mit Sozialleistungsbezug räumlich, um die Kürzung durch die Einstufung als Bedarfsgemeinschaft zu umgehen. Auch die Anrechnung von Einkommen bei nur 1 Verdiener führt nicht selten zur räumlichen Trennung, da hier NICHT unterhaltspflichtige Personen mit dem kompletten Einkommen für die BG einstehen müssen (auch für Krankenkassenbeiträge). Beim Unterhalt für getrennt lebende Kinder und Ehegatten hat man einen Selbstbehalt, bei Leistungsbezug gilt dieser nicht, obwohl keine gesetzliche Unterhaltspflicht vorliegt.

      Würde man hier auch „eheähnlichen“ Gemeinschaften den vollen Regelsatz gewähren und bei Alleinverdienern einen Selbstbehalt (oder höhere Freibeträge) einführen, gäbe es sicherlich ein paar Einpersonenhaushalte weniger.

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  2. Aktuell werden Wohnungen mit unter 30 qm für 500 € NETTO-Kaltmiete vermietet. Diese Wohnungen sind bekannt dafür, dass dort überwiegend Menschen wohnen die auf Sozialleistungen angewiesen sind.
    Das sind Quadratmeterpreise über 18 € für Häuser die 1994 gebaut wurden.

    Wo soll das hinführen???
    Auch die Nebenkosten werden für viele immer unbezahlbarer.

    Jede Mieterhöhung kann Menschen vor finanziellen Probleme stellen und wenn es dann keine günstigere Wohnung gibt, droht die Wohnungslosigkeit.

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