
Das Ihme-Zentrum war am Dienstagabend das beherrschende Thema im Freizeitheim Linden. Rund 400 Besucher verfolgten die Podiumsdiskussion der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, bei der sich drei Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters den Fragen der Veranstalter und des Publikums stellten. Wegen des großen Andrangs musste die Veranstaltung auf zwei Räume verteilt werden, die per Videoübertragung miteinander verbunden waren.
Unter der Moderation des HAZ-Redakteurs Conrad von Meding diskutierten Amtsinhaber Belit Onay (Bündnis 90/Die Grünen), Dr. Axel von der Ohe (SPD) und Maren Kaminski (Die Linke) über die Zukunft des Problemkomplexes. Der CDU-Kandidat Peter Karst hatte seine Teilnahme einen Tag zuvor wegen einer ehrenamtlichen Verpflichtung abgesagt. Bereits eine ähnliche Diskussionsveranstaltung im benachbarten Stadtbezirk Ahlem-Badenstedt-Davenstedt hatte Karst kurzfristig abgesagt.
Dabei wurde deutlich: Alle Aussagen der Kandidaten stehen unter dem Eindruck des laufenden Oberbürgermeisterwahlkampfs. Konkrete Entscheidungen können erst nach der Kommunalwahl getroffen werden.
Kritik an Einstellung der Förderung
Zu Beginn der Veranstaltung begrüßte Hans Mönninghof von der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum die Gäste. Er kritisierte die Entscheidung des Rates, die Förderung der Zukunftswerkstatt einzustellen. SPD, CDU und FDP hätten dies damit begründet, dass der Verein keine substanzielle Arbeit geleistet habe. Mönninghof wertete die große Resonanz der Veranstaltung als Beleg dafür, dass diese Einschätzung nicht zutreffe.
Bewohnerinnen schildern die Situation
Mit einem historischen Rückblick eröffneten die Bewohnerinnen Karin Kellner und Katja Volkhardt die inhaltliche Diskussion. Sie erinnerten an die Anfänge und die erfolgreiche Zeit des Ihme-Zentrums und schilderten die heutige Situation aus Sicht der Wohnungseigentümer.
Ihr Vorwurf: Die Stadt lasse die Bewohner mit den Problemen weitgehend allein. Ein neuer Bebauungsplan allein reiche nicht aus, um die Entwicklung des Quartiers nachhaltig voranzubringen.
Abriss? Private Verantwortung? Oder mehr Engagement der Stadt?
Die Kandidaten mussten sich zunächst zwischen drei grundsätzlichen Positionen entscheiden:
- Alles abreißen
- Das Ihme-Zentrum ist Privateigentum – die Verantwortung liegt bei den Eigentümern
- Die Stadt muss eine aktive Rolle übernehmen
Alle drei Kandidaten lehnten einen Abriss des Ihme-Zentrums ab.
Maren Kaminski sprach sich eindeutig für eine stärkere Rolle der Stadt aus. Das Ihme-Zentrum sei eine öffentliche Aufgabe und könne zu einem Leuchtturmprojekt der Stadtentwicklung werden.
Axel von der Ohe bezeichnete Abrisspläne als „Quatsch“. Zwar liege die Verantwortung grundsätzlich bei den Eigentümern, gleichzeitig bestehe aber ein erhebliches öffentliches Interesse an einer Revitalisierung. Eine Enteignung lehne er ab.
Belit Onay wollte sich nicht auf die vorgegebenen Antworten festlegen. Er erinnerte daran, dass bereits sein Vorgänger einen Mietvertrag über Gewerbeflächen mit dem inzwischen insolventen Unternehmen von Lars Windhorst abgeschlossen habe. Das Potenzial des Ihme-Zentrums sei weiterhin vorhanden. Mit dem neuen Bebauungsplan solle der Druck auf die Investoren erhöht werden.
Dabei verwies Onay auch auf die im Grundbuch eingetragene Grundschuld über rund 290 Millionen Euro zugunsten des Investors Ulrich Marseille. Eine Enteignung könne nur das äußerste Mittel sein.
Soll die Stadt künftig stärker eingreifen?
Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage, ob die Landeshauptstadt künftig eine aktivere Rolle übernehmen und etwa ein städtebauliches Sanierungsverfahren einleiten sollte.
Positionen der Kandidaten
| Kandidat | Haltung |
|---|---|
| Belit Onay | Rechtliche Hürden und fehlende Fördermöglichkeiten erschweren derzeit ein Sanierungsverfahren. Öffentliche Gelder sollten keinem Investor zugutekommen, der kein eigenes Entwicklungsinteresse zeigt. |
| Dr. Axel von der Ohe | Der Ratsbeschluss aus dem Jahr 2025 müsse nun konsequent umgesetzt und alle städtischen Handlungsmöglichkeiten müssten ausgeschöpft werden. |
| Maren Kaminski | Der Rat solle möglichst noch vor der Wahl die Voraussetzungen schaffen, um innerhalb von zwei Jahren ein förmliches Sanierungsverfahren einzuleiten. Der Sockel des Ihme-Zentrum müsse langfristig in städtisches Eigentum übergehen. |
Onay verwies außerdem darauf, dass der Mietvertrag der Stadt über Büroflächen inzwischen gekündigt worden sei. Parallel wird versucht, die eingetragene Grundschuld juristisch überprüfen zu lassen.
Durchwegung bleibt Streitpunkt
Seit März 2025 ist die zentrale Durchwegung des Ihme-Zentrums gesperrt. Auch dieses Thema spielte während der Diskussion eine wichtige Rolle.
Axel von der Ohe erklärte, er könne den Ärger vieler Bürger nachvollziehen. Früher sei die Verbindung sein täglicher Fahrradweg zum Rathaus gewesen. Die Umsetzung sei jedoch kompliziert und setze unter anderem eine öffentliche Widmung voraus.
Belit Onay verwies darauf, dass die Stadt bereits erhebliche Anstrengungen unternommen habe. Das Problem bestehe darin, dass die betroffenen Flächen Privateigentum seien und der Eigentümer bislang kein Interesse an einer Öffnung gezeigt habe. Der neue Bebauungsplan könne künftig ein Wegerecht sichern. Gleichzeitig müsse eine Lösung gemeinsam mit der Wohnungseigentümergemeinschaft gefunden werden.
Maren Kaminski kündigte an, im Falle ihrer Wahl eine eigene Stabsstelle für das Ihme-Zentrum einzurichten. Sie bezeichnete den früheren Abriss der Fußgängerbrücke von der Limmerstraße zum Ihme-Zentrum als Fehler. Sollte sie Oberbürgermeisterin werden, werde ihr täglicher Arbeitsweg künftig durch die neue Durchwegung führen.
Umgang mit Investoren
Auch beim zukünftigen Umgang mit Investoren wurden Unterschiede deutlich.
Belit Onay sieht in der hohen Grundschuld das zentrale Problem. Solange diese bestehe, werde sich nach seiner Einschätzung kein seriöser Investor finden. Deshalb müsse die Stadt den rechtlichen Druck erhöhen.
Axel von der Ohe machte deutlich, dass die Stadt keine Millionenbeträge an Investoren zahlen werde. Er könne sich jedoch ein Sanierungskonsortium vorstellen.
Maren Kaminski ging deutlich weiter. Aus ihrer Sicht sollte langfristig die Landeshauptstadt selbst Eigentümerin werden. Zur Finanzierung brachte sie zwei Vorschläge ins Spiel:
- Ausgabe einer zweckgebundenen Bürgeranleihe von beispielsweise 50 Millionen Euro.
- Einrichtung eines städtischen Sondervermögens nach dem Vorbild der Expo 2000.
Wo steht das Ihme-Zentrum in acht Jahren?
Auf die Frage nach ihrer Vision für das Ende einer achtjährigen Amtszeit zeichneten die Kandidaten unterschiedliche Bilder.
Kaminski rechnet mit einer Gesamtentwicklungszeit von rund 15 Jahren. Nach acht Jahren seien Planung und Umsetzung etwa zur Hälfte abgeschlossen.
Von der Ohe erwartet bis dahin zusätzlichen Wohnraum und neues Gewerbe. Die vollständige Entwicklung werde jedoch deutlich länger als eine Amtszeit dauern.
Onay geht davon aus, dass innerhalb von zwei bis drei Jahren Klarheit über die Rechtmäßigkeit der Grundschuld bestehen werde. Bis zum Ende einer Amtszeit könne außerdem ein Sanierungskonsortium arbeiten und die Grundlagen für eine gemischte Nutzung geschaffen sein.
Diskussion um den Verkauf der Kita
Auch der geplante Verkauf der städtischen Kita-Flächen im Ihme-Zentrum wurde angesprochen.
Belit Onay verteidigte die Entscheidung als notwendigen Schritt zum Schutz der städtischen Finanzen.
Maren Kaminski äußerte Zweifel, ob dadurch mögliche Haftungsrisiken tatsächlich ausgeschlossen werden könnten.
Axel von der Ohe betonte, die Stadt müsse zwar die Sicherheit der Immobilie gewährleisten, werde aber nicht für wirtschaftliche Fehlentscheidungen der Investoren aufkommen. Den Verkauf wolle er deshalb nicht rückgängig machen.
Appell an die Stadt
Hans Mönninghof kritisierte erneut den Stillstand bei der Durchwegung. Der „Schwarze Peter“ werde seit Jahren zwischen Stadt, Wohnungseigentümern und der Projektgesellschaft hin- und hergeschoben.
Seine Forderung: Wenn alle Beteiligten grundsätzlich die Durchwegung wollten, müsse die Stadt die geschätzten vier Millionen Euro investieren und endlich Verantwortung übernehmen.
Offene Frage zu Gutachten
Zum Ende der Veranstaltung wurde Belit Onay gefragt, weshalb zwei von der Stadt beauftragte Gutachten zum Ihme-Zentrum bislang nicht veröffentlicht worden seien.
Der Oberbürgermeister erklärte, ihm seien diese Gutachten nicht bekannt.
Fazit
Die Diskussion machte deutlich, dass alle drei Kandidaten das Ihme-Zentrum als eine der größten städtebaulichen Herausforderungen Hannovers ansehen. Ein Abriss spielte für keinen der Bewerber eine Rolle. Unterschiede zeigten sich jedoch bei der Frage, wie aktiv die Stadt künftig eingreifen und welche finanziellen sowie rechtlichen Instrumente sie dabei einsetzen sollte. Ob und welche dieser Ankündigungen nach der Kommunalwahl tatsächlich umgesetzt werden, bleibt abzuwarten.
