Seit Mai 2023 gilt der Bereich hinter dem hannoverschen Hauptbahnhof am Raschplatz als ordnungspolitisch „befriedet“. Mit einem Maßnahmenbündel aus verstärkter Polizeipräsenz, Platzverweisen und sozialarbeiterischer Begleitung wurde die offene Drogenszene dort deutlich reduziert. Doch reduziert heißt nicht aufgelöst. Kritiker sprechen von einer bloßen Verlagerung – und unter anderem die Drägerwiese in Linden-Süd scheint damit mehr zum Brennpunkt geworden zu sein.
Politische Aussagen – und ihre Grundlage

Auf einer Einwohnerversammlung am 27. Januar erklärte der Inhaber einer benachbarten Substitutionspraxis im alten Lindener Rathaus, Dr. Reza Nasseri, ein Großteil seiner Patienten habe seinen Wohnsitz in Linden oder Ricklingen. Auch Oberbürgermeister Belit Onay und Ordnungsdezernent Dr. Axel von der Ohe bestätigten diese Darstellung.
In der Sitzung des Stadtbezirksrats Linden-Limmer am vergangenen Mittwoch griff Bezirksratsherr Michael Klenke (CDU) diese Aussagen auf und stellte eine naheliegende Frage: Worauf stützt die Stadt ihre Erkenntnisse über die Herkunft der Menschen, die auf der Drägerwiese harte Drogen konsumieren?
Die Antwort der Verwaltung fiel differenziert aus – und relativierte die zuvor vermittelte Gewissheit erheblich. Eine systematische Datenerhebung oder Befragung habe nicht stattgefunden. Erkenntnisse stützten sich auf freiwillige Gespräche im Rahmen aufsuchender Straßensozialarbeit. Eine personenbezogene Erfassung mit Datum, Uhrzeit oder Fallzahlen existiere nicht. Die Einschätzungen seien im dritten und vierten Quartal 2025 zusammengetragen worden.
Mit anderen Worten: Es handelt sich nicht um statistisch belastbare Daten, sondern um qualitative Eindrücke aus der Praxis.
Polizeizahlen widersprechen der These
Für eine andere Perspektive sorgte Kriminalhauptkommissar Jörg Manthey vom Polizeikommissariat Limmer in einer Wortmeldung in der Bezirksratssitzung. Seine Zahlen sind konkret:
- 70 Polizeieinsätze auf der Drägerwiese im Jahr 2025
- 423 kontrollierte drogenabhängige Personen
Von diesen 423 Personen:
- 79 Personen stammen aus dem Westen Hannovers (Linden-Limmer, Ricklingen, Ahlem, Badenstedt, Davenstedt)
- 81 Personen hatten ihre Meldeanschrift außerhalb der Landeshauptstadt Hannover
Das entspricht folgenden Anteilen:
- 18,7 % (79 von 423) aus dem Westen Hannovers
- 19,1 % (81 von 423) aus dem Umland bzw. außerhalb Hannovers
Im Umkehrschluss bedeutet das:
62,2 % der kontrollierten Personen (263 von 423) stammen weder aus dem unmittelbaren Westen Hannovers noch aus dem Umland, sondern aus anderen Stadtteilen Hannovers.
Die These, es handele sich „vorwiegend“ um Menschen aus Linden oder Ricklingen, wird durch diese Zahlen nicht gestützt. Selbst wenn man alle westlichen Stadtteile zusammenfasst, bleibt ihr Anteil unter einem Fünftel.
Substitutionspatienten ≠ offene Szene
Ein weiterer Punkt wird deutlich: Die Patientenschaft einer Substitutionspraxis ist nicht deckungsgleich mit der offenen Drogenszene im öffentlichen Raum. Substitution ist ein medizinisch kontrolliertes Behandlungsangebot. Polizeiliche Kontrollen auf einer Grünfläche erfassen dagegen vor allem Personen, die im öffentlichen Raum konsumieren oder sich dort regelmäßig aufhalten.
Die Zahlen legen nahe, dass ein erheblicher Teil der auf der Drägerwiese angetroffenen Personen nicht aus dem unmittelbaren Quartier stammt. Ebenso wenig kann belegt werden, dass die Mehrheit der Praxispatienten regelmäßig dort präsent ist.
Die naheliegende Hypothese: Ein Teil der früher am Raschplatz sichtbaren offenen Szene hat sich in westliche Stadtteile verlagert – nicht zwingend in die unmittelbare Nachbarschaft der Praxis, sondern in ein Gebiet mit vergleichsweise geringerer polizeilicher Verdichtung.
Verlagerung statt Lösung?
Stadtsoziologisch ist das Phänomen bekannt: Repressive Maßnahmen in einem zentralen Bereich führen selten zur Auflösung einer Szene, sondern häufig zur Verlagerung. Die soziale Problemlage bleibt bestehen, sie wird lediglich weniger sichtbar – oder verlagert sich in Quartiere mit geringerer politischer Aufmerksamkeit. Die eher versteckt gelegene Drägerwiese scheint ein Beispiel für genau diesen Mechanismus zu sein.
Offene Fragen
Bleibt die Frage nach Transparenz und Kommunikation. Wenn politische Verantwortungsträger öffentlich von einer „vorwiegend lokalen“ Herkunft sprechen, ohne dass systematische Erhebungen existieren, entsteht ein Problem der Belastbarkeit.
- Warum wurde die qualitative Einschätzung nicht klar als solche kommuniziert?
- Weshalb klaffen Verwaltungseinschätzung und Polizeistatistik so deutlich auseinander?
- Und welche Strategie verfolgt die Stadt langfristig – Verdrängung oder nachhaltige Stabilisierung?
Fest steht: Die Zahlen der Polizei sind präzise – und sie relativieren das Bild einer rein lokalen Szene deutlich. Die Debatte um die Drägerwiese ist damit nicht beendet. Sie beginnt womöglich gerade erst.