Drägerwiese: Stadtspitze überzeugt Anwohner noch nicht

v.l.: Belit Onay, Sylvia Bruns, Dr. Axel von der Ohe
Öffentlicher Dialog zur Drägerwiese: Das Pilotprojekt der Stadtspitze für den Umgang mit Drogensüchtigen überzeugt Anwohnende noch nicht.

Die sogenannte Drägerwiese am Alten Lindener Rathaus in Linden-Süd soll feste Aufenthaltsfläche für mehrfachabhängige Menschen bleiben. Mit einem einjährigen Pilotprojekt aus mobiler Sozialarbeit, vierteljährlichen Dialogen mit der Anwohnerschaft und einer Stärkung der Kontrollen von Polizei und Ordnungsdienst will die Stadt laut Oberbürgermeister Belit Onay beiden Gruppen ein „akzeptierendes Nebeneinander“ ermöglichen. Er warb um Geduld und versicherte, die Anliegenden „nicht allein zu lassen mit ihren Sorgen“. Beim öffentlichen Dialog im voll besetzten Ratssaal am Lindener Markt konnte die Stadtspitze aber noch nicht überzeugen. Auf die Sozialarbeiter, die ab Ostern vor Ort sein wollen, warten daher sehr große Herausforderungen.

Seit 2012 ist Linden-Süd im Fokus

Die schwierige Situation rund um die Methadon-Ausgabepraxis im Alten Lindener Rathaus an der Deisterstraße ist seit 2012 Stadt und Politik bekannt. Den Anstieg Methadon-Abhängiger begründete der damalige Drogenbeauftragte der Stadt laut einem Artikel der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung mit der zu geringen Anzahl an Ärzten, die den Heroin-Ersatzstoff ausgeben würden. Stadt und Region stünden deshalb mit der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) im Dialog. Dieses Argument brachte nun auch Bruns vor: „Wir haben zu wenig Nachwuchs in der Substitutionsmedizin und führen Gespräche mit der KVN wegen der Bedarfsplanung.“

Argumentation der Stadt

„Wir wollen die Menschen erreichen und eine Zersplitterung in den Stadtteil verhindern“, begründete Sozialdezernentin Sylvia Bruns die Entscheidung der Stadt für die Grünfläche an der Deisterstraße Ecke Ricklinger Straße. Einen unmittelbaren Zusammenhang mit der Neugestaltung des Raschplatz schloss sie ebenso aus wie Ordnungsdezernent Dr. Axel von der Ohe und Onay. „Wir können anhand der Ausweise der Praxisbesuchenden sagen, dass die meisten Menschen aus Linden und der näheren Umgebung kommen“, sagte der Oberbürgermeister. Bruns wies auf die geringe Zahl an Methadon-Ausgabestellen hin. Von der Ohe zeigte sich überzeugt von dem neuen integrierten Ansatz. „Es geht nicht um Eventisierung, sondern darum, klare Gründe für den Aufenthalt dort und die Regeln für den Umgang festzulegen.“ Die Stadt habe die Präsenz von Polizei und Ordnungsdienst in Linden-Süd seit September erhöht. Im Januar waren wir 60 Mal dort und haben auch Platzverweise ausgesprochen. Er sei offen für eine Videoüberwachung, wenn die Drägerwiese ein Kriminalitätsschwerpunkt sei. Allen müsse aber klar sein, dass sich in Hannover jede Person auf öffentlichen Plätzen aufhalten könne, solange sie sich nicht strafbar mache, betonte Onay.

Anwohner bleiben kritisch

Anwohnende der Drägerwiese in Linden-Süd
Maßnahmen wie eine bessere Beleuchtung oder das Aufstellen von Bänken überzeugen die Anwohnenden nicht mehr.

Die Anwohnenden griffen das Gesprächsangebot über die geplanten präventiven sozialen Angebote auf, zeigten sich aber wenig überzeugt. Zu lange habe die Stadt nichts unternommen. „Wir haben nichts gegen die Ausgabe-Praxis, aber seit zweieinhalb Jahren ist die Situation nicht mehr hinnehmbar“, sagte etwa Ellen Hartmann. Eine andere Anwohnerin sprach von rund 350 Abhängigen täglich. Großmutter Heike Mönninghof ärgert sich, weil sie ihren Enkel nicht mehr unbesorgt zum Spielen an die Ihmeauen lassen kann, weil in den Büschen Spritzen lägen. Vor den Folgen einer besseren Beleuchtung des Areals warnte eine Mutter. „Ich befürchte, dass sich die Szene dann in die Gebüsche an der Ihmeaue bis zum Skaterpark verlagert.“ Ein Vater berichtete, seine beiden Töchter erst dann aus dem Haus zu lassen, wenn er sicher sei, dass keine Personen auf der Straße seien. In der teilweise sehr kritischen Diskussion zeigten sich auch Meinungsverschiedenheiten zwischen den Anliegenden und Dr. Konrad Ciman, Inhaber der Substitutionspraxis. Seine Beteuerung, die Praxis sei Teil der Lösung, nicht des Problems, blieb unkommentiert. CDU-Bezirksratsherr Michael Klenke ärgert sich, dass es bis heute keine Reaktion auf einen Antrag zur Einrichtung einer Ambulanz im Krankenhaus Siloah aus dem Mai 2025 gegeben hat.

Drei Tage vor Ort

Drogenbeauftragter Frank Woike
Frank Woike, Drogenbeauftragter der Stadt, warb um Geduld. „Im Umgang mit Abhängigen gibt es kein Patentrezept. Deshalb wollen wir regelmäßig mit Ihnen darüber sprechen, ob unsere Ansätze hilfreich sind.“

An drei Tagen der Woche zwischen 12 – 15 Uhr sollen ab Ostern (Drogenbeauftragter Frank Woike) Sozialarbeiter der Stadt und der Beratungsstelle „La Strade“ an der Drägerwiese präsent sein, um mit den Menschen Kontakt aufzunehmen und weiterführende Hilfen wie etwa die Wohnungssuche zu organisieren. Der Ort soll zudem besser beleuchtet und die Einsehbarkeit durch regelmäßigeren Rückschnitt der Büsche verbessert werden. „Mit den Anliegenden planen wir während der Projektphase vierteljährliche Gespräche“, kündigte Woike an. Er warb wie auch die beiden städtischen Straßensozialarbeiter um „ausreichend Zeit“.

Ist das Problem doch lösbar?

„Das Grundproblem kann ich nicht lösen. Uns macht vor allem der zunehmende Crack-Konsum Sorgen, denn dafür gibt es noch keinen Ersatzstoff. Viele dieser Menschen sind zudem besonders von den Folgen der Corona-Pandemie betroffen“, bedauerte Bruns. Die Stadt stehe im engen Austausch mit Hamburg und Frankfurt, die ähnliche Problemlagen hätten. Aber bislang gebe es für Kokain kein zugelassenes Substitutionsmedikament, das das Verlangen zuverlässig dämpft und gleichzeitig gesundheitlich weniger belastend wäre.

Vielleicht kommt aus Köln bald eine ermutigende Botschaft. Die Stadt Köln will nach Berichten von Radio Köln an einem Modellprojekt zur Ausgabe von Crack-Ersatzstoffen teilnehmen. Das Gesundheitsamt hatte im Juni 2025 angeregt, Mittel, die eigentlich für die Behandlung von ADHS vorgesehen sind, zu testen. Auch Bremen ist an einer Teilnahme interessiert. Nach einem Bericht des Weser Kuriers könnte der Start einer bundesweiten Beobachtungsstudie in diesem Jahr sein.

Bildnachweis: Katharina Kümpel

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