„Nichts wird wie vorher sein“

Zwangsarbeiterinnen im Frauen-KZ der Conti-Limmer im April 1945
Zwangsarbeiterinnen im Frauen-KZ der Conti-Limmer, April 1945

Ein Buch mit Berichten aus dem ehemaligen Frauen-KZ der Continental AG Limmer dokumentiert Erinnerungen der dort von den Nationalsozialisten inhaftierten Zwangsarbeiterinnen.

Die Idee zu dieser wertvollen Materialsammlung hatte der 2008 gegründete Arbeitskreis „Ein Mahnmal für das Frauen-KZ in Limmer“. Mit geradezu detektivischem Spürsinn haben Horst Dralle, Matthias Waselowsky und Sebastian Winter vorliegende Berichte von Frauen recherchiert und nun als Buch herausgegeben. Es trägt den Titel „Nichts wird wie vorher sein“ und ist im Aschendorff-Verlag in der Reihe „Schriften zur Erinnerungskultur in Hannover“ erschienen. Die 487 Seiten umfassende Dokumentation ist im Buchhandel für 29,90 Euro erhältlich, Druckkosten wurden von der Landeshauptstadt beigesteuert. Der Klappentext beschreibt eindrucksvoll, worum es in dem Buch geht:

„Mehr als tausend Frauen waren zwischen Juni 1944 und April 1945 im Konzentrationslager Conti-Limmer in Hannover inhaftiert: Französische Résistance-Angehörige, während des Warschaue ­Aufstands ­ver­haftete Polinnen, Soldatinnen der Roten Armee, sowjetische Zivilistinnen, Romnija aus dem Baltikum und andere. Der „Alltag“ der KZ-Gefangenen war geprägt von schwerer Zwangsarbeit vor allem bei Continental und den Brinker Eisenwerken, Hunger, Krankheit, Gewalt und willkürlichen Bestrafungen durch die Bewacher*innen.

Viele Gefangene hatten nach ihrer Befreiung das Bedürfnis, über ihre Deportation und das KZ Conti-Limmer zu berichten. Doch kaum eines dieser persön­lichen Zeugnisse wurde ungekürzt oder überhaupt in deutscher Sprache veröffentlicht. Die vorliegende Sammlung ihrer Berichte gibt daher vielen dieser Opfer des National­sozialismus achtzig Jahre nach der Befreiung erstmals eine Stimme im Land der Täter*innen“.

Gasmaskenproduktion der Excelsior Gummiwerke

Das Buch dokumentiert insgesamt 16 Texte und Biografien von den damals gefangenen Frauen, ebenso zahlreiche historische Fotos und ein umfangreiches Glossar. Sie schildern zumeist ihre Erinnerungen an Festnahme und Verschleppung durch die Nazischergen. Die ersten von ihnen kamen im Juni 1944 mit Zwischenstation aus dem KZ Ravensbrück nach Limmer. Unter Bewachung von SS-Aufseherinnen mussten die Frauen hier Zwangsarbeit leisten – zumeist in der Gasmaskenproduktion der Excelsior Gummiwerke – der heutigen Continental AG. Auch über die Evakuierung des Conti-KZs am 6. April 1945 und den mörderischen Fußmarsch von rund 700 Frauen nach Bergen-Belsen wird in den zutiefst erschütternden Texten der 16 Frauen berichtet.

Gedenkort in der Wasserstadt Limmer

Am Rande der Großsiedlung „Wasserstadt Limmer“ soll ein Gedenkort für das Frauen-KZ entstehen. Schon im Jahr 2024 sind Straßen in dem Neubaugebiet nach ehemaligen Opfern benannt worden. Der zukünftige Gedenkort ist im Bebauungsplan für den 1. Bauabschnitt festgesetzt worden und soll von der Papenburg AG gebaut werden. Ein Gestaltungsvorschlag des Arbeitskreises wurde im Auftrag der Landeshauptstadt Hannover vom Landschaftsarchitekturbüro „chora blau“ zu einem detaillierten Entwurf weiterentwickelt.

Derzeit wird die bauliche Umsetzung des Vorhabens durch die benachbarte Baustelle der Baugemeinschaft JAWA behindert, weil diese mit Containern Teilflächen des zukünftigen Gedenkortes in Anspruch nimmt. Zukünftige Bewohner*innen der JAWA-Neubauten – unter ihnen auch Matthias Waselowsky – haben sich bereit erklärt, zu der Pflege des Gedenkortes beizutragen.

Feier am Gedenkstein und zwei Buchvorstellungen

Zum kommenden Freitagnachmittag, 10. April, ab 16:30 Uhr, lädt der Arbeitskreis zu einer Gedenkstunde am Rande des Baugebietes ein. An diesem 81. Jahrestag der Befreiung der Frauen durch die US-Army wird Carsten Bethmann am Saxofon einen musikalischen Beitrag leisten. Vorstellungen des Buches durch die Autoren sind jeweils um 18 Uhr am 14. April im ZeitZentrumZivilcourage und am 29. April im Kulturtreff Kastanienhof geplant.

Bildnachweis: Gérard Raphaël Algoet

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