Nachkriegszeit in Linden: Briefe einer jungen Mutter

Fremde Briefe liest man nicht! Das haben uns die Eltern immer wieder eingeschärft. Wenn man dann gleich mehr als 200 Seiten, prall gefüllt mit wöchentlichen Briefen einer jungen Mutter aus Linden an ihre Eltern in der Sowjetzone, vor sich liegen hat, dann ist man froh, dass man von ihrem Sohn die Leseerlaubnis hat. Denn mit der Veröffentlichung der Briefe seiner Mutter Gerda Voigt hat sich der Sohn Guntram Voigt auch über eigene Skrupel hinweggesetzt. „Bedenken, so persönliche Briefe zu veröffentlichen, kamen mir schon. Aber der Inhalt der Briefe gibt doch einen eher diskreten Einblick in unsere Familie“, schreibt er in seinem Vorwort zum ersten Band. Dieser Entscheidung verdanken wir ein Dokument von unschätzbarem Wert.

Gerda Voigt
Gerda Voigt um 1950

Die Schilderungen der Lebensverhältnisse aus der Nachkriegszeit gehen weit über den familiären Rahmen und auch über Linden hinaus. Bei der Lektüre erfährt man viel über das Leben sowohl im Westen als auch im Osten Deutschlands, bevor es die Bundesrepublik und die DDR gab. Die junge Mutter Gerda Voigt hat es 1946 mit ihren noch im Kriege geborenen Söhnen Arnfried und Guntram nach Linden verschlagen. Weil ihr Mann Eberhard, ein studierter Anglist, nach der Kriegsgefangenschaft als Dolmetscher für die britische Zivilverwaltung in Hannover tätig ist, wird der noch in Dresden lebenden Mutter mit den beiden Söhnen der Zuzug nach Hannover genehmigt. Nach abenteuerlicher Wohnungssuche kommt die Familie in zwei Zimmern in der Weberstraße 23 unter, dem Hinterhaus zur Weberstraße 22. Nachdem auch die Tochter Verena geboren ist, bekommen sie endlich eine größere Wohnung in der Niemeyerstraße 14.

Welchen zentralen Stellenwert damals die Beschaffung von Lebensmitteln hatte, ist in den Briefen immer wieder Thema

Am 14. November 1946 notiert Gerda Voigt:
Mit den neuen Lebensmittelkarten ist für 3–6-Jährige vom Roten Kreuz eine Karte über ½ Liter Milchspeise pro Tag ausgegeben worden. Nun muss ich täglich zwischen 11 und 1 Uhr in eine Ausgabestelle, die gute 10 Minuten von uns entfernt ist, und muss dann oft noch Schlange stehen. Unter einer halben Stunde bin ich nie weg, die Zeit vor dem Mittagessen passt schlecht, aber es lohnt sich, es ist ein wohlschmeckender, süßer Pudding, den beide Kinder mit Begeisterung essen. Da habe ich gleich immer noch zusätzlich was zum Abendbrot, entweder verdünne ich es noch mit Milch zu einer süßen Suppe oder die Kinder essen es als Pudding. Ja, das ganze Leben dreht sich jetzt nur ums liebe Essen.

Dass sich das Leben um viel mehr als nur ums liebe Essen dreht, belegt Gerda Voigt selbst mit fast jedem ihrer Briefe. Immer wieder ist von Freude und Dankbarkeit die Rede, und das trotz Sorgen und materieller Not. Freude über Briefe von Freunden und Verwandten, Freude über jedes kleine Geschenk, sei es zum Geburtstag oder zu Weihnachten, Freude über die vielen Pakete und Päckchen, Freude über neue Freundschaften. Die Familie fühlt sich schnell aufgehoben in der Gemeinde der Martinskirche.

Eine besondere Freundschaft verbindet die Voigts mit Familie Reymann. Über die Anfänge berichtet Gerda Voigt am 9.12.1946 ihren Eltern:
Er [Pastor Reymann] selbst ist auch erst vor 2 Monaten an diese Stadtgemeinde gekommen, und als er neulich seine Frau und seine 5 Kinder mit Sack und Pack nachgeholt hatte, kam er gleich am 2. oder 3. Tag des Umzugs zu uns, hatte im Bäckerladen auf unserer Straße sich unsere Adresse erfragt und fragte ohne viel Umstände, ob wohl unser Arnfried gleich mit ihm käme, um für diesen Nachmittag mit seinem gleichaltrigen Ullrich zu spielen. Er käme auch bald mal mit seiner Frau zu einem richtigen Besuch. Beide sind gleichaltrig mit uns. Frau Pastor habe ich nun inzwischen auch schon kennengelernt, sie hat mir recht gut gefallen, es ist der Typ Erika Dankelmann, groß und kräftig und mit frischen Farben. Arnfried hatte es damals großartig gefallen, sie hatten im Garten gespielt. Als er ein 2. Mal dort war, war Ullrich gerade im Kirchkindergarten.

Auch die Voigt-Söhne gehen in den Gemeindekindergarten in der Badenstedter Straße im Gertrud-Marien-Heim. Die Volksschule 47 in der Davenstedter Straße bezeichnet die Mutter als Sorgenkind, der Klassenton ist sehr rauh und roh, die Lehrerin hält sie für nicht geeignet. Als sie an einem Nachmittag ihre Kinder abholt, wird sie Zeugin eines großen Radaus, dem die Lehrerin nicht Herr wurde, obwohl sie stets einen Rohrstock zur Hilfe hat. Sie ist schon älter, tut etwas leidend und wehleidig, die Kinder nehmen sie nicht ernst und machen sich lustig über sie. (29.11.1946)

Ein paar Zeilen weiter folgt dann wieder eine positive Nachricht: Mit der Schulspeisung sollen die Kinder jetzt alle 10 Tage ein Täfelchen Schokolade bekommen, und zweimal hat Arnfried schon welche mitgebracht, gute, englische, kräftige Schokolade. Man sieht doch hier ganz offensichtlich den guten Willen zur Mithilfe. Das ist doch ganz entschieden eine Aufmunterung.

Schule hat in den Briefen nicht nur wegen der Kinder einen großen Stellenwert. Der Vater unterrichtet Englisch an der 1945 wiedereröffneten privaten Buhmann-Schule in Hannover. Da die Kurse hauptsächlich am Nachmittag und in den frühen Abendstunden liegen, kommt er immer spät von der Arbeit. Auch die unterschiedlichen Ferientermine gegenüber den Schulen der Kinder stellen eine Belastung dar. Dazu bemerkt Gerda Voigt in einem Brief im Mai 1948: Arnfried hat jetzt aus Anlass der Exportmesse 4 Wochen Pfingstferien. Alle Schulen sind in Messehotels verwandelt worden zur Unterbringung der Fremden. Nur Buhmann tanzt aus der Reihe und Ebi hat wieder Unterricht.

Interessant ist an diesen drei kleinen Sätzen nicht nur der letzte, mit dem sich Gerda Voigt ein wenig flapsig Luft macht. Man erfährt so nebenbei, was sicher nur wenigen bekannt sein dürfte: Anscheinend hat es im April/Mai 1947 in Hannover außerplanmäßig vier Wochen Ferien gegeben! Heute undenkbar. Und das alles, um in den Schulen Messegäste unterzubringen.

Was heute vermutlich nur noch wenige wissen: wie es nach dem Krieg im Von-Alten-Garten ausgesehen hat. Gerda Voigt berichtet ihren Eltern im Januar 1947:
Dieser „Park“, der zu dem von Alten’schen Palais gehört, ist in unserer unmittelbaren Nähe. Das war immer mein Trost in der ersten Zeit, wenn mich die Häuserreihen gar zu sehr bedrückten, wenn ich mal einen Blick durch die hohen Eisengitter [an der Posthornstraße] in den Park werfen konnte, und ich dachte: Wie schön wäre es, wenn du mal mit den Kindern darin spazieren gehen könntest. Aber große Schilder, wie Zutritt streng verboten, Durchgang verboten, bissige Hunde hielten uns immer davon ab. (…) Übrigens ist das Schloß völlig zerstört und auch der Park hat stark gelitten: große Sprengtrichter, viele alte Bäume sind entwurzelt oder umgefällt.

Schon bald bekommt die Familie einen Zugang zum Parkgelände: Nun haben wir von Pastor Reymann für alle Zeit die Erlaubnis bekommen, ihren Garten und ihr Haus als Durchgang zu benutzen, und kehren uns auch nicht mehr an die Verbotsschilder am Eingang von unserer Seite.

Ein halbes Jahr später erhält Eberhard Voigt ein Schreiben aus der Brauhofstraße 14. Dort sitzt die von Altensche Verwaltung. Es ist die schriftliche Genehmigung zur Nutzung für ein Stück Grabeland im Gutsgarten, in der Nähe des früheren Teiches. Die Gartenarbeit ist beschwerlich: Zum Gießen müssen wir das Wasser ziemlich weit herholen, für einen solchen Gang geht fast immer ¼ Stunde drauf. Auch das Umgraben ist solch schwere Arbeit, dass wir nur ganz langsam vorwärtskommen, der Boden ist eng durchsetzt mit Steinen, Schutt und Wurzeln. Unsere Nachbarn zu beiden Seiten haben es wieder aufgegeben, nur der 4. Mann plagt sich gleich uns mit dem Urbarmachen.

Die Resultate sind letztlich doch erfreulich, denn mit dem selbst gezogenen Gemüse kann die Not ein wenig gelindert werden. Im Raum steht die bange Frage: Hoffentlich können wir nun auch selbst alles ernten, die Mauserei ist jetzt überall so groß. Um dieser etwas vorzubeugen, sollen jetzt jede Nacht 2 Mann der Gartenbesitzer im Park Wache stehen. Das bedeutet, dass Ebi alle 14 Tage eine Nacht opfern und von 11 bis 5 im Park umherwandeln muss.

Es gibt viele weitere Themen, zu denen man in den Briefen Interessantes entdecken kann, was man vorher noch nicht gewusst hat. Einiges ist nur speziell auf Linden bezogen, andere Themen, die in den Briefen eine wichtige Rolle spielen, sind auch von überregionalem Interesse, wie z. B. die Währungsreform oder der Interzonenverkehr. Wer mehr über die Nachkriegsgeschichte erfahren möchte, für den lohnt sich die Lektüre allemal.

Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: Es gibt in den Briefen sicher einige sehr persönliche und berührende Passagen, die eigentlich niemanden außer der Familie etwas angehen. Und doch macht die Briefautorin das auf eine Art und Weise, die der Nachwelt nicht vorenthalten werden sollte. Wenn sie zum Beispiel ihren Eltern mitteilt, dass sie noch ein drittes Kind erwartet, dann ist das zunächst eine sehr private Angelegenheit. Aber wie sie diese Botschaft vorbereitet und in die aktuelle politische Lage einbettet, das hebt alles auf eine andere Ebene. Denn die Tochter möchte, dass ihre Mutter aus der sowjetischen Zone nach Hannover kommen soll, was aber mit einem schwarzen Grenzübertritt verbunden ist. Sie kündigt der Mutter den Besuch einer Freundin an, die „langsam Routine im Schwarzgehen“ hat. Die Freundin, so schreibt sie, hat „uns versprochen, dass sie auf einem ihrer Besuche auch einmal Dich, mein liebes Muttchen, mitnehmen will. Hättest Du dafür Courage?“ Und dann lüftet sie das Geheimnis: „Ganz langsam musst Du Dich mit dem Gedanken vertraut machen, auch einmal hierherzukommen, und wenn wir vier noch nicht genügend Anziehungskraft besitzen, so wird es vielleicht ein Fünftes dann tun.“

Beide Brief-Bände können online im Digitalen Stadtteilarchiv Linden-Limmer gelesen werden:

Autor: Walther Engel

Bildnachweis: Privat