Die wechselvolle Geschichte der Villa am Tönniesberg

Prunkvolle Südseite der Villa
Prunkvolle Südseite der Villa

Einst, in den „goldenen Zwanzigern“ machte ein Großkaufmann und Fassfabrikant viel Geld. Er hieß August Lutterberg und hatte seine Fabrik in Linden, und so ließ er sich 1923 ganz in der Nähe auf dem Tönniesberg, zwischen Weizenfeldern und Waggongleisen ein Gebäude in repräsentativer Pracht erbauen.

Ein Domizil mit 38 Zimmern für 850.000 Reichsmark, für sich, seine Gemahlin Friederike, seine Söhne und seine beiden Töchter Margarete und Erika.

Stadtplan von 1959 mit der Brücke über dem Güterbahnhof Linden

In dem nebenstehenden Stadtplanausschnitt von 1959 ist noch die frühere Ausfallstraße eingezeichnet. Vom Deisterplatz aus über die Hanomagstraße (früher Hamelner Straße) vorbei am Hanomag-Gelände überspannte seinerzeit eine Straßenbrücke die Gleise des Bahnhofs Linden-Fischerhof zur Straße „Am Tönniesberg“ (früher Hamelner Chaussee) auf Ricklinger Seite.

Die Straße führte dann weiter zum heutigen Tönniesbergkreisel (der damals noch nicht bestand). Die Hamelner Chaussee führte weiter als Straße Richtung Springe / Hameln, die heutige Bundesstraße 217. Am Ende dieser Brücke, die 1963 abgerissen wurde, stand die imposante Villa.

Als Ersatz wurde eine neue Brücke im Zuge der Bornumer Straße gebaut.

Adressbücher belegen die Anschrift

  • Das Hannover-Adressbuch von 1915 zeigt im Branchenverzeichnis unter Fasshandlungen: Friedrich Fricke & Co., Inh. August Lutterberg, Schlorumpfsweg 1.
  • Im Hannover-Adressbuch von 1928 ist Hamelner Chaussee 1 verzeichnet: Fricke & Co. Fassgroßhandlung Inhaber August Lutterberg, Benzin-Tankstelle.
  • Die August Lutterberg Fassgroßhandlung G.m.b.H. war laut Adressbuch von 1930 in der Hamelner Chaussee 1, dort wohnte auch der Eigentümer, der Kaufmann August Lutterberg und eine Witwe namens Katharina Lutterberg (möglicherweise seine Mutter). Unter der gleichen Adresse gab es noch die Fassgroßhandlung Fricke & Co.

Erinnerungen der Tochter

Villa am Tönniesberg
Villa am Tönniesberg

Noch 1983 erinnerte sich die damals 68-jährige Margarete Lutterberg in einem Interview mit der Neuen Presse daran: „Wir konnten uns zu den wohlhabenden Leuten zählen. Wir hatten 38 Räume, ein Traum. Die Räume waren so groß, dass ich mit meinem Bruder darin Fahrrad fahren konnte.“

Die Villa mit drei Etagen hatte eine handgeschnitzte Wendeltreppe in die oberen beiden Etagen, und die Rundkuppeln waren aus Kupfer geschmiedet. In den hochherrschaftlichen Räumen waren Tapeten mit Goldprägung und seidene Vorhänge, alle Räume waren mit Stuckdecken verziert, und das Mobiliar war aus feinstem Mahagoni. Im Musikzimmer stand ein Steinwayflügel. Flure mit Kandelabern und große Räume mit Kerzen besetzten Kronleuchtern. Margarete Lutterberg erinnert sich: „Meine Eltern gaben alle zwei Wochen eine große Gesellschaft. Wir führten ein Leben ohne Probleme“.

August Lutterberg hatte leider einen etwas verschwenderischen Eigensinn, so ließ er sogar die Bauchbinden seiner Havanna mit seinem Namen bedrucken. Aber mit Beginn der 30er Jahre sollte sich alles ändern. Die Fässer wurden jetzt zunehmend aus Aluminium gemacht, aber Lutterberg produzierte weiterhin in Holz. So schlitterte er zusehends in die Pleite. Margarete Lutterberg erinnerte sich, „Vaters Gläubiger machten Druck, bis schließlich sogar das Mobiliar versteigert wurde“.
Der Traum vom Leben in einer Villa mit Türmen war 1943 vorbei, die Deutsche Edelstahl AG kaufte das Gebäude.

Danach hatte die Villa wechselnde Besitzer und überstand den Krieg ohne einen einzigen Treffer. Eine Zeitlang gehörte sie zur Hanomag und es wohnten dort Arbeiter und andere Mieter, so wie Bezirksschornsteinfeger Friedrich Drewes und auch die Hastra verfügte über Büros im Erdgeschoss.

Munitionsunglück 1969 am Bahnhof Linden

Friedrich Drewes berichtete von der Katastrophe von 1969: „Beim Munitionsunglück 1969 im Bahnhof Linden, war die Wucht so gewaltig, da hat das Haus eine Menge abbekommen. Das Dach der Villa wurde abgedeckt, durch die Wucht wurden Türen herausgerissen, und nahezu alle Fenster waren zersplittert“.
Aber statt der Abrissbirne kam wieder ein neuer Besitzer. Ein Kaufmann aus Münster hatte sein Autohaus im Sanierungsgebiet Linden. So suchte er aus Furcht vor den städtischen Planern zum Wohl seines Autohauses einen Ausweichort und fand diesen Am Tönniesberg 1. Es folgte eine Transaktion und Sanierung in Millionenhöhe. Der Prokurist Ludwig Schnelle: „Die Ford Dependance konnte in Linden bleiben, so wurde der Umzug in die Villa überflüssig. Wir haben sie nie genutzt“.

Gastarbeiterquartier

Im Jahr 1973 bekam die Villa wieder einen neuen Besitzer, aber dieses Mal einen von der kriminellen Art. Ein fragwürdiger Bauunternehmer versuchte sich 1973/74 als krimineller Vermieter, er machte ein illegales Massenquartier für Gastarbeiter davon. Über 80 Personen waren in dem Haus untergebracht. Erst durch die Behörden wurde das ganze beendet.

Die Villa fiel an die Stadt und stand viele Jahre leer. Trotz vernagelter Fenster zog sie Obdachlose an, und das führte Mitte der 1970er zu einem verheerenden Dachstuhlbrand.

Später gab es einige Kaufinteressenten. Eine große Familie der Sinti wollte das Gebäude kaufen, ein Arzt wollte ein Seniorenstift darin errichten, dann war durch die Stadt die Nutzung als Studentenwohnheim im Gespräch. Aber da sie unter Denkmalschutz steht, wollte keiner so recht dafür bezahlen.

Rotlichtmilieu

Villa Am Tönniesberg
Eingang zur Villa Am Tönniesberg

Die neuen Besitzer der Villa und des 2.000 qm großen Grundstückes wurden 1979 die hannoverschen Kaufleute Ernst Mögel und Klaus Berlin. Sie bezahlten etwas über 200.000 Mark für die geschichtsträchtige, beschädigte Villa. Und die beiden hatten sogar schon einen Mieter: Hans Moser aus Wettbergen, er war Pornoproduzent und bereit 7.000 Mark im Monat als Miete zu bezahlen. Hans Moser vertrieb mit seiner Firma VTO die Pornostreifen seiner Frau Theresa, besser bekannt als Theresa Orlowski. Doch die Kosten wuchsen ihm über den Kopf. Nichts Neues in der Geschichte der Villa.

Jetzt wollten die beiden Besitzer wieder verkaufen. Der anvisierte Verkaufspreis der instandgesetzten Villa lag bei 1,3 Millionen Mark. Aber so einfach war es nicht. Erst 1984 bekam ein Schweizer den Zuschlag und erwarb das Anwesen für den gewünschten Kaufpreis.

Aber pünktlich zur Messe im Juni 1984 wurde die Villa wieder zu Stätte der Begegnung: In der Villa eröffnet der Saunaclub „Sudfass“ und der Pub „Flair“. „Der Stil des bemerkenswerten Hauses, ist ideal für unsere Absichten“ so der Konzessionsträger, ein Gastronom aus Berlin.

Aber Ende der 1980 war schon wieder Schluss. Dann wollte die Stadt Asylbewerber unterbringen, zeitweise wurden dort auch vom DRK betreute Obdachlose untergebracht. Der Schweizer Besitzer der Villa hat sogar die für das Bewohnen notwendigen Umbauten, wie Kochgelegenheiten und zusätzliche sanitäre Anlagen einbauen lassen. Aber das war nur ein Bewohnen für kurze Zeit, die Haltungskosten waren zu hoch.

Zwischenzeitlich versuchte die Sängerin Miriam Lüssenhop aus dem Haus einen Künstlerpalast zu machen, aber dieser Traum zerschlug sich Anfang 1999.

2003 wechselte die Villa abermals den Besitzer. Hans Braun ist der Betreiber eines FKK-Clubs, eine Vergnügungsstätte mit Außenbereich, Swimmingpools und Saunas. Die Werbung für die „FKK Villa“ kennen wir alle. Es gab Teilzeitmitarbeiter, wie Hausmeister, Servicepersonal für die Bar und Reinigung. Die 15 Damen, die dort ihre Dienste anboten, waren alle selbstständige Mieterinnen.

Doch mit Beginn der Corona-Zeit in 2020 gingen im bekanntesten Bordell Hannovers die Lichter aus: Die „FKK Villa“ in Ricklingen ist seitdem geschlossen. Mit Günter Krull hat sich ein neuer Besitzer gefunden. Wer weiß, wie die wechselvolle Geschichte der Villa am Tönniesberg 1 weiter geht.


Autor: Jochen Winkler, verwendete Quellen u.a. HMH, Neue Presse. Bei der Adressrecherche unterstützten Jürgen Wessel und Walther Engel, Bearbeitung Stefan Ebers.

Bildnachweis: Martin Illmann, Digitales Stadtteilarchiv Linden-Limmer, Stefan Ebers

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